Flugzeuge können nicht starten. Die
Bundeswehr muss Rechner abschalten. Schuld ist der Wurm
Conficker, der Schäden anrichtet wie kaum ein anderer.
ZDNet erläutert, warum er sich so rasant verbreiten kann
und wie man die Gefahr abwendet.
Lange hat sich keine Malware mehr auf so vielen
Windows-Servern in Unternehmen verbreitet wie der
Conficker-Wurm, der von einigen Antiviren-Herstellern auch
Downadup genannt wird. Besonders gefährlich sind die
Varianten B und C, die ihr Unwesen seit dem 1. Januar 2009
treiben. Der Wurm Conficker.B begann am 30. Dezember 2008
damit, sich zu verbreiten. Die nur geringfügig modifizierte
Variante Conficker.C folgte einen Tag später. Viele
Hersteller, beispielsweise Microsoft und Symantec, sehen
Conficker.C nicht als eigenständige Variante und bezeichnen
beide Varianten als Conficker.B.
Eigentlich hätte es gar nicht dazu kommen dürfen, dass
sich dieser Wurm verbreitet. Bereits am 23. Oktober 2008
hatte Microsoft das Security-Bulletin
MS08-067 veröffentlicht und ein außerordentliches Update
angekündigt. Ein Update außerhalb der normalen Patchdays
bringt Microsoft nur äußerst selten. Allerdings ist das ein
sicheres Zeichen dafür, dass es sich um eine sehr ernste
Lücke handelt, die man nicht ignorieren sollte.
Nach etwa einem Monat tauchte der weniger gefährliche
Wurm Conficker.A auf, erst später die gefährlichen Varianten
B und C. Um sich vor der gefährlichen Variante zu schützen,
hätte es ausgereicht, sein System innerhalb von zwei Monaten
auf den neuesten Stand zu bringen. Privatleute aktualisieren
ihr System relativ häufig. Sie waren von dem Conficker-Wurm
kaum betroffen.
Anders sieht es in Unternehmen aus. Ab dem 1. Januar 2009
kam es zu einer zeitweisen Überlastung der europäischen
Hotline von Microsoft. Microsofts EMEA-Sicherheitschef Roger
Halbheer fühlte sich in seinem Skiurlaub gestört und
verfasste den Blogeintrag
Russian Roulette with your Network, in dem er sich unter
anderem darüber beschwerte, dass Kunden keine Updates
einspielten. Inzwischen hat Microsoft sogar eine Belohnung
von 250.000 Dollar (etwa 195.000 Euro) für Hinweise auf den
Conficker-Autor ausgesetzt.
Auf Systemen, die den Patch MS08-067 nicht installiert
haben, kann sich der Wurm über
RPC einnisten. Ist er einmal auf einen Rechner gelangt,
so stört er den Betrieb mächtig. Zunächst patcht er einige
DNS-APIs. Dies tut er, um zu verhindern, dass man sich
aktualisierte Antiviren-Signaturen herunterlädt. Wenn ein
DNS-Name Strings wie Microsoft, Kaspersky,
Symantec, Sophos oder Avira enthält, dann
wird diese DNS-Query nicht mehr ausgeführt. Hat man sich
Conficker auf einem DNS-Server für das Intranet eingefangen,
so können auch Client-Computer keine Verbindung zu
www.microsoft.com aufbauen, da der String microsoft
enthalten ist.
Noch ärgerlicher ist, dass Conficker versucht, sich unter
einer gültigen Benutzerkennung anzumelden, um sich so auf
andere Rechner auszubreiten. Dazu probiert er eine ganze
Reihe von Passwörtern wie password, abc123,
qwerty, Admin und changeme aus. Die
Passwörter kombiniert er mit der Benutzerliste der gesamten
Domain. Ist Conficker mit einem Admin-Account erfolgreich,
bedeutet das, dass er sich in der Regel unmittelbar im
gesamten Intranet verbreitet.
Obwohl die
Liste der Passwörter lang ist, bleibt die
Wahrscheinlichkeit gering, dass die beschriebene Methode zum
Erfolg führt. Da Microsofts Active Directory jedoch per
Default so konfiguriert ist, dass es jedes Benutzerkonto
nach zehn Fehlversuchen bei der Passworteingabe für 30
Minuten sperrt, hat man den Effekt, dass sich Benutzer eines
Netzwerkes nicht mehr anmelden können.
Solche Effekte stören den geregelten Betriebs eines
Netzwerks. Oft ist die Business Continuity nicht
gewährleistet. Nicht nur im zivilen Bereich gibt es
Ausfälle.
So konnten französische Kampfflugzeuge nicht starten,
weil es wegen eines Conficker-Befalls nicht möglich war, die
Flugpläne herunterzuladen. Auch
bei der Bundeswehr wurden hunderte von Rechnern infiziert.
Die beiden Vorfälle, die die Landesverteidigung
betreffen, ereigneten sich nicht etwa kurz nach dem
Jahreswechsel, sondern Anfang Februar, als letztendlich
jeder, der sich mit Computersicherheit beschäftigt, etwas
über den Conficker-Wurm gelesen oder gehört haben musste.
Das wirft die Frage auf, wieso so viele Behörden und
Unternehmen einen Patch, der im Oktober erschienen ist,
nicht längst eingespielt haben - spätestens seitdem bekannt
ist, dass ein Schädling umgeht, der die Sicherheitslücke
MS08-067 ausnutzt.
Natürlich wissen Administratoren in Unternehmen, dass man
seine Rechner aus Sicherheitsgründen auf dem neuesten Stand
halten soll, und dass das noch wichtiger ist, als eine
Antimalware-Lösung zu implementieren. Generell besteht
jedoch eine gewisse Sorge darüber, dass durch Einspielen
eines Updates ein wichtiger Server nicht mehr funktionieren
könnte.
Tatsächlich gibt es nachvollziehbare Berichte, dass
Server nach Einspielen eines Updates nicht mehr zu 100
Prozent funktionieren. Nachvollziehbar bedeutet, dass man
durch Rückgängigmachen des Updates die volle Funktionalität
wieder herstellt. Ein erneutes Einspielen des Updates lässt
den oder die Fehler wieder auftreten.
Obwohl solche Berichte nicht aus der Luft gegriffen sind,
kommt ein fehlerhaftes Verhalten eines Servers weitaus
seltener vor als allgemein angenommen. Meist sind die
Probleme hausgemacht, beispielsweise durch Ändern von
Scripts oder "Tunen" von Parametern. Das letzte Update
verantwortlich zu machen, ist eine einfache, aber oft
unzutreffende Erklärung.
Trotzdem steht jeder vor der Wahl, die Updates regelmäßig
mitzumachen und dadurch ein Risiko einzugehen, dass nach dem
Update eine Fehlfunktion auftritt, beispielsweise wegen
möglicher Seiteneffekte, oder die Updates lieber auszulassen
und zu riskieren, dass eine Sicherheitslücke ausgenutzt
wird.
Ist ein Server auf irgendeine Weise über das Internet
erreichbar, so bleibt keine Alternative zum schnellen und
regelmäßigen Einspielen der Sicherheitsupdates. Die
Wahrscheinlichkeit eines aktiven Angriffs steigt mit jedem
Sicherheitspatch, den man nicht mitmacht, stark an. Der
Grund liegt darin, dass ein Security-Update Malware-Autoren
als Anleitung dient. Aus den Unterschieden zwischen der
Original-Datei und dem Update lässt sich genau erkennen, wo
die Sicherheitslücke liegt. Der Patch selbst führt immer
direkt zur Stecknadel im Heuhaufen. Malware-Autoren müssen
jetzt nur noch einen Weg finden, möglichst viele andere
Computer mit dieser Stecknadel zu "pieken".
Speziell für den Fall Conficker könnte man argumentieren,
dass beispielsweise ein Web-Server im Internet nicht
betroffen sei, weil man nur TCP-Port 80 ins Internet
durchroute. Da Conficker sich originär über RPC verbreite,
reiche es aus, die TCP-Ports 135, 139 und 445 nicht ins
Internet zu routen.
Vor solchen Szenarien muss eindringlich gewarnt werden.
Beispielsweise gibt es seit Windows Server 2003 die
Möglichkeit, RPC durch http und https zu tunneln, primär, um
Microsoft Exchange 2003 im Internet ohne VPN erreichen zu
können. Conficker B und C versuchen zwar nicht, sich durch
RPC-Tunneling auf einem Rechner zu verbreiten, jedoch kann
jederzeit eine Variante D erscheinen, die von dieser
Möglichkeit Gebrauch macht.
Nicht viel anders sieht es bei einem reinem
Intranet-Server aus. Ein aktiver Angriff aus dem Internet,
etwa durch den Conficker-Wurm, ist nicht möglich. Vor
passiven Angriffen bleibt man jedoch nicht geschützt,
beispielsweise durch das Aufrufen einer Webseite mit einem
Bild, das für das Ausnutzen einer Sicherheitslücke
präpariert wurde. Außerdem können Intranet-Server leicht
durch ihre Clients angegriffen werden, wenn ein Client über
einen USB-Stick mit Malware verseucht wurde. Das Risiko,
erfolgreich angegriffen zu werden, ist auch bei einem
Intranet-Server größer als das Risiko, dass der Server nach
einem Update streikt.
Um das Risiko eines Serverausfalls nach einem Update zu
minimieren, sollte man nur Fixes einspielen, die tatsächlich
Security-Patches sind. Das ist längst nicht bei allen
Updates der Fall. Generell sind alle Updates, die Microsoft
als "critical" oder "important" eingestuft hat, Fixes für
potenzielle Sicherheitslücken. Trotzdem gibt es Ausnahmen:
Service Packs werden beispielsweise nach einer gewissen Zeit
mindestens als "important" eingestuft. Das Einspielen eines
kompletten Service Packs birgt jedoch immer das Risiko, dass
Serveranwendungen anschließend nicht mehr korrekt arbeiten.
Das gilt insbesondere für Anwendungen von Drittanbietern.
Auf Servern sollte man generell auf alle Updates
verzichten, die als "optional" gekennzeichnet sind. Auf
einen funktionierenden Server gehören nach dem Prinzip "never
touch a running system" weder
Microsoft Silverlight noch Updates für
Internet Explorer oder
Windows Media Player.
Insbesondere die HTML-Engine des Browsers ist,
anders als die EU es gerne hätte und tiefer, als es für
die Sicherheit gut ist, mit dem OS verwoben. Viele
Serveranwendungen nutzen die HTML-Engine unsichtbar, etwa in
ihren
MMC-Verwaltungstools. Tauscht man die HTML-Engine aus,
kann es zu gravierendem Fehlverhalten von Serveranwendungen
kommen.
Problematisch sind Updates, die als "recommended"
gekennzeichnet sind. Dahinter verbergen sich oft Updates für
Help-File-Texte oder Änderungen von Sommerzeitregeln für
einige Länder. Man sollte im Einzelfall überlegen, ob man
das Update für sinnvoll hält oder nicht. Ändern sich
beispielsweise die Sommerzeitregeln der Fidschi-Inseln, und
man betreibt dort keine Server, so kann man das Update
getrost auslassen, auch wenn durch das Einspielen kein
Fehlverhalten zu erwarten ist.
Zusammenfassend lässt sich zum Thema Updates sagen, dass
man alle sicherheitsrelevanten Updates einspielen sollte.
Das bedeutet jedoch keineswegs, dass auf Servern alle
Updates ungefiltert eingespielt werden dürfen. An einer
manuelle Selektion geht kein Weg vorbei. Service Packs und
andere über reines Bugfixing hinausgehende Updates haben auf
Servern nichts zu suchen.
Generell ist es schwierig, Server mit Windows NT 4.0 zu
schützen. NT 4.0 findet sich bei Unternehmen noch recht
häufig als Domain-Controller. So stellt Roger Halbheer in
seinem
Blog ernüchternd fest, dass ein Großteil der Anrufer bei
der Microsoft-Hotline Server mit Windows NT betreibt, obwohl
das OS bereits seit Ende 2004 in keiner Weise mehr supportet
wird, und somit auch das Update MS08-067 nicht mehr für NT
4.0 angeboten wird.
NT 4.0 findet man heute in wesentlich mehr Unternehmen,
als allgemein angenommen wird. Dazu gehören vor allem
Großunternehmen. Das erklärt sich daraus, dass Microsoft mit
Windows 2000 die Active Directory Services eingeführt hat,
die von der Benutzerverwaltung her inkompatibel zum
bisherigen Domainsystem sind, das noch aus der
OS/2-LAN-Manager-Zeit stammt.
Größere Unternehmen haben seinerzeit viel Geld darin
investiert, mit dem NT-Domänensystem eine Gesamtlösung für
die Mitarbeiterverwaltung zu schaffen. In der Regel wird ein
Mitarbeiter mit einem selbstentwickelten oder in Auftrag
gegebenen Tool angelegt. Das Tool sorgt dafür, dass der
Mitarbeiter in die verschiedenen, meist unabhängig
gesteuerten EDV-Systeme, etwa die NT-Domäne, die
Gehaltsbuchhaltung und das Zeiterfassungssystem, eingetragen
wird.
Mit einer Umstellung auf Windows 2000 wäre neben einer
Datenmigration auch eine teilweise Neuentwicklung
hauseigener Verwaltungstools erforderlich gewesen. Da aber
die ursprünglichen Investitionskosten über einen wesentlich
längeren Zeitraum als fünf bis zehn Jahre abgeschrieben
werden müssen, findet man zumindest auf Domain-Controllern
häufig noch NT 4.0, zumal sich die Versionen ab Windows 2000
bis heute ohne Probleme in eine NT-4.0-Domäne integrieren
lassen.
Die Hardwareprobleme von NT 4.0, wie fehlende
USB-Unterstützung und Schwierigkeiten bei der Beschaffung
von Gigabit-Netzwerkkarten mit NT-4.0-Treibern, lösen
Unternehmen häufig durch Virtualisierung. Auch
Sicherheitsprobleme, die daraus resultieren, dass NT 4.0
kein signiertes
SMB-Protokoll beherrscht, nehmen Unternehmen in Kauf, da
eine Migration zu Windows 200x mit hohen Kosten verbunden
ist.
Generell lässt sich nur feststellen, dass ein Betrieb von
NT-4.0-Servern auf die eine oder andere Art mit Kosten und
Risiken verbunden ist. Gegen Malware wie Conficker gibt es
keinen Schutz mehr von Microsoft. So steigt das Risiko, sich
eine Malware einzufangen, faktisch von Tag zu Tag an. Einen
effektiven Schutz kann man nur durch selbstprogrammierte
Firewall-Regeln erreichen, die im Fall von Conficker alle
RPC-Pakete an die GUID 4b324fc8-1670-01d3-1278-5a47bf6ee188
blocken. Solche Firewall-Regeln auf Layer-7-Ebene sind nur
schwer zu realisieren. Sie erfordern zudem großes
technisches Know-How und viel Zeit.
Bei allem Verständnis für die Gründe, die Unternehmen
dazu bewegen, weiterhin NT 4.0 einzusetzen, muss man heute
feststellen, dass für einen Umstieg zu Windows 200x zwar
hohe Kosten anfallen können, jedoch keine Alternative zum
baldigen Umstieg existiert. Ein Betrieb von NT 4.0 verbietet
sich schon deshalb, weil mittlerweile genügend Schadsoftware
existiert, die jedermann ohne besonderes Wissen nutzen kann,
um sich auf einem NT-4.0-Server selbst zum Administrator zu
machen. Patches gegen diese Lücken gibt es nicht mehr.
Der Conficker-Wurm mit seinen Auswirkungen zeigt, dass
die Gefahr von empfindlichen Betriebsstörungen jederzeit
real ist. Zwar führt Conficker keine zerstörerischen
Aktionen aus, beispielsweise das Löschen von Daten, und
sendet nach dem aktuellen Stand der Dinge auch keine Daten
"nach Hause", bringt jedoch den geordneten Betrieb eines
Computernetzwerkes durcheinander.
So können sich Benutzer oft nicht mehr anmelden. Falls
doch, erreichen sie viele Domains im Internet nicht mehr.
Konkret hat das dazu geführt, dass französische
Kampfflugzeuge am Boden bleiben mussten, und die Bundeswehr
sah sich gezwungen, einige Dienststellen vom Netz zu nehmen.
Ferner darf man davon ausgehen, dass in vielen betroffenen
Unternehmen die Business Continuity nicht sichergestellt
war.
Ein geschätzte Verbreitung des Conficker-Wurm in den
Varianten B und C auf über 12 Millionen Rechnern hätte nicht
sein müssen, wenn man den Patch MS08-067 vor Ende Dezember
2008 eingespielt hätte. Man muss jedoch die Gründe von
Behörden und Unternehmen verstehen, warum sie gerade auf
Servern darauf verzichten, regelmäßig Updates einzuspielen.
Die Erfahrung zeigt, dass das Einspielen eines Updates
Seiteneffekte haben kann. Ein Server kann nach einem Update
Probleme bis hin zum Gesamtausfall aller Dienste
verursachen.
Hier ist Microsoft durchaus gefordert. Sicherheitsupdates
dürfen nur die Beseitigung des Sicherheitsproblems
beinhalten. Wenn in der gefixten Datei bereits neue Features
aus einem späteren Development Branch enthalten sind, dann
ist die Gefahr von Seiteneffekten groß. Dass Microsoft
komplette Service Packs von Betriebssystemen in die gleiche
Kategorie einordnet wie Security-Fixes, muss grundsätzlich
kritisiert werden. Hier muss Microsoft klar trennen und
diese Trennung ebenso glaubhaft vermitteln. Sonst werden
Unternehmen weiterhin auf Server-Updates verzichten.
Äußerst gefährdet für Angriffe aller Art sind Betreiber
von NT 4.0 oder früheren Versionen von Windows NT. Entgegen
landläufiger Meinung, gibt es noch viele Großunternehmen,
die bisher kein Migrationsprojekt von NT-Domänen hin zu den
Active Directory Services gewagt haben. Hier besteht keine
ernsthafte Alternative zur baldigen Durchführung der
Migration, auch wenn sie mit nicht unerheblichen Kosten
verbunden ist.
Quelle:zdnet